Cash

Cash, 18.08.2000, Nummer 33,  Seite 67
Interview

«Renditeversprechungen gebe ich nie»

Vermögensverwalter Jean-Pierre Zuber über Standesregeln.
 
«Schwarze Schafe» unter den Vermögensverwaltern schädigen das Image einer ganzen Branche. Der Verband Schweizerischer Vermögensverwalter (VSV) kämpft mit verschärften Standesregeln dagegen an. VSV-Präsident Jean-Pierre Zuber[50] gibt im CASH-Gespräch Tipps für Anleger bei der Wahl eines Vermögensverwalters.
FRANZ SCHAIBLE
 

CASH: Das Börsenjahr 2000 verläuft turbulent. Können Sie als Vermögensverwalter noch ruhig schlafen?

JEAN-PIERRE ZUBER: Ja. Das momentane Auf und Ab stellt keine Ausnahmesituation dar. Sowas gab es und wird es immer wieder geben. Emotionen und Volatilität gehören zu den Finanzmärkten und damit auch zum Alltag eines Vermögensverwalters. Ausserdem ist ein Vermögensverwalter mittel- bis längerfristig orientiert und muss so nicht auf jedes Tagesereignis reagieren.
 

Zittern Sie also nicht vor Kundenbesuchen, wenn die Performance nicht den Erwartungen entspricht?

Unsere Aufgabe ist es, dem Kunden die Situation darzustellen und im Detail zu begründen. In der Regel verliert ein Vermögensverwalter nicht Kunden, weil die Anlage zu wenig Rendite abwirft. Das ist kein Hauptargument.
 

Was ist denn für die Beziehung mit dem Kunden entscheidend?

Es ist die zwischenmenschliche Beziehung. Die Vertrauensbasis zwischen Verwalter und Anleger muss stimmen, denn das ist die Hauptvoraussetzung für eine auf den einzelnen Kunden ausgerichtete Beratung.

Da spielen doch auch externe Faktoren wie etwa der Herdentrieb mit. Angesichts der Kursexplosion der Technologietitel musste ein Vermögensverwalter auf den Zug aufspringen. Gab es nach dem Kurseinbruch keine roten Köpfe?
Auch die Vermögensverwalter sind diesem Trend sicherlich gefolgt. Ich persönlich versuchte jene Firmen herauszupicken, die real etwas herstellen, mit dem man Geld verdienen kann. So habe ich sehr wenig in Internettitel investiert. Damit bin ich gut gefahren.

Aber es gab den Druck von Kunden, in diese Branchen zu investieren.

Das ist nicht auszuschliessen. Im Prinzip muss der Vermögensverwalter aber auf die Risiken hinweisen. Falls diese ignoriert werden, muss er das Engagement vom Kunden bestätigen lassen. Wichtig ist zu wissen, dass wir keine Produkteverkäufer sind. Der Verwalter verfügt über eine Produktepalette, und seine Aufgabe ist es, jene Produkte auszuwählen, die auf den einzelnen Kunden zugeschnitten sind. Das ist ein anderer Ansatz als derjenige der Kollegen bei den Banken, die in jedes Depot bestimmte Produkte ihrer Bank aufnehmen müssen. Unsere Arbeit ist dagegen sehr stark auf das Individuum ausgerichtet.

Alle wussten es: Viele der jungen Wachstumsfirmen waren völlig überbewertet, trotzdem haben sich viele Anleger zu einem - letztlich teuer bezahlten - Engagement hinreissen lassen. Hat der Verband zu wenig explizit davor gewarnt?

Wir haben gewarnt, sind aber offenbar nicht überall gehört worden. Ich bin froh, dass die Luftblase geplatzt ist und wieder mehr Realitätssinn herrscht. Es wird aber immer Leute geben, die blindlings investieren.

Der Finanzexperte und Buchautor Erwin Heri sagt in seinem jüngsten Buch sinngemäss: Wer Anlegern Renditen von mehr als zehn oder zwölf Prozent verspricht, ist ein Scharlatan. Stimmen Sie dem zu?

Generell sind Renditeversprechen verdächtig. Wo die Scharlatanerei anfängt, will ich nicht beurteilen. Wenn mir ein Berater eine Rendite von fünf oder zehn Prozent im Jahr verspricht, gehen bei mir die Warnlampen an. Solche Versprechungen sind sehr problematisch. Der Berater kann wohl auf Erfahrungszahlen hinweisen, aber ich würde nie ein Renditeversprechen abgeben.

Auch zum Eigenschutz?

Genau. Wenn der Berater das Versprechen nicht einhält, kommt er in Zugzwang. Dann ist der Weg zur Spekulation nicht mehr weit.
 

Ihre Branche hat nicht das beste Image. Jeder kann sich Vermögensverwalter nennen und fremde Gelder waghalsig anlegen, oft zum Schaden der Investoren. Was macht der Branchenverband dagegen?

Das ist tatsächlich ein Problem. Wir setzen uns dafür ein, dass der Berufstitel geschützt ist, weil viele so genannte Vermögensverwalter, die absolut unseriös arbeiten, im Markt operieren. Die Situation hat sich aber jetzt im Zusammenhang mit der neuen Gesetzgebung gegen die Geldwäscherei entschärft.

Wie zeigt sich dies in der Praxis?

Laut dem Geldwäschereigesetz muss sich seit dem 1. April dieses Jahres jeder Finanzintermediär entweder direkt der Aufsicht der Kontroll- stelle für die Bekämpfung der Geldwäscherei unterstellen und eine Bewilligung einholen, oder er muss sich einer der zwölf Selbstregulierungsorganisationen (SRO) angeschlossen haben. Die neue Gesetzgebung wird von unserem Verband begrüsst. Wir wollen uns damit auch vor den Abzockern schützen.

Wie wirkt der Schutz für Investoren?

Um in eine SRO aufgenommen zu werden, muss der Gesuchsteller Auflagen im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Geldwäscherei erfüllen. In unseren Standesregeln sind zusätzliche berufsethische Verhaltensnormen enthalten. Der Verband hat heute ein dichtes Dispositiv gegen unseriöse Praktiken im Bereich der unabhängigen Vermögensverwaltung aufgezogen. Hinzu kommt, dass auch die Banken nur mit jenen zusammenarbeiten, die einer SRO angeschlossen sind.

Können Sie für Ihre Verbandsmitglieder die Hand ins Feuer legen?

Jeder verpflichtet sich, die Standesregeln einzuhalten. Deren Einhaltung wird jährlich kontrolliert. Abschliessende Garantien kann ich aber natürlich nicht für jedes einzelne Mitglied abgeben.
Viele Aufnahmegesuche von Vermögensverwaltern in den Verband sind noch hängig, nicht zuletzt, weil viele bis zum letzten Moment kurz vor der Deadline Ende März zuwarteten. Das spricht nicht gerade für eine grosse Kooperationsbereitschaft.
Es stimmt, viele haben sich sehr spät um die Verbandsmitgliedschaft und damit auch um den SRO-Anschluss bemüht, weil es das Gesetz verlangt. Wir blicken aber in die Zukunft. Wir wollen, dass möglichst viele Vermögensverwalter bei uns angeschlossen sind und seriös arbeiten.
Es wird aber weiterhin schwarze Schafe geben, die ohne Bewilligung arbeiten. Immerhin treten rund 1500 Anbieter als unabhängige Vermögensverwalter auf, von denen nur etwa die Hälfte im Verband organisiert ist.
Das ist zu befürchten, aber wohl nicht zu vermeiden. Aber auch der Anleger selbst kann Kontrollmechanismen einbauen. So darf er einem Vermögensverwalter niemals eine umfassende Vollmacht, sondern jeweils nur eine limitierte Verwaltungsvollmacht geben. Damit kann dieser nie über das Geld direkt verfügen, sondern es nur verwalten. Dem Vermögensverwalter muss klar sein, dass es nicht sein Geld ist, dass er sich nicht in dieses Geld verlieben darf.

Wie soll ein potenzieller Anleger seinen Vermögensverwalter auswählen?

Der Vermögensverwalter muss einer SRO angeschlossen oder der Kontrollstelle für die Bekämpfung der Geldwäscherei direkt unterstellt sein. Wenn einer diese Bedingung nicht erfüllt und keine Bankreferenzen vorweisen kann, darf ein Anleger die Beziehung nicht eingehen. Auf unserer Internetseite sind beispielsweise alle Vermögensverwalter namentlich aufgeführt, die der SRO unterstellt sind.

Vermögensverwalter richten sich nicht an Kleinanleger. Sie persönlich haben Ihre Minimalhöhe auf 500'000 Franken festgelegt. Wäre das nicht eine Marktlücke?

Es gibt in unserem Verband Mitglieder, die die Grenze deutlich tiefer angesetzt haben. Es ist aber auch einsichtig, dass mit 10'000 Franken die Risikofähigkeit beschränkt ist und anlagemässig nicht viele Möglichkeiten offen sind. Da stellen etwa Anlagefonds eine sehr gute Möglichkeit dar. Aber dafür braucht es keinen Vermögensverwalter.
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