Finanz und Wirtschaft

Finanz und Wirtschaft, 18.08.2004, Seite 17
Jean-Pierre Zuber, Präsident VSV

«Mehr Unabhängige»

Das Umfeld für im Privatebanking tätige Institute ist massiv schwieriger geworden. Wie stellen sich die unabhängigen Vermögensverwalter der Zukunft? Jean-Pierre Zuber, Präsident des Verbands Schweizerischer Vermögensverwalter, nimmt Stellung. Dem VSV gehören über 770 Aktivmitglieder an, die gesamthaft 130 bis 170 Mrd. Fr. Kundenvermögen verwalten. Die Mitgliederzahl, die sich seit dem Jahr 2000 fast verfünffacht hat, ist steigend.
 

Herr Zuber, wo liegen heute die grössten Herausforderungen für die unabhängigen Vermögensverwalter?

An das kompetitiver gewordene Umfeld passen sich unsere Mitglieder, die mit leichten Strukturen arbeiten, einfacher an als unsere Mitbewerber aus dem Bankenbereich. Andererseits besteht die Gefahr der Überregulierung, die ich für einen nicht vertretbaren staatlichen Opportunismus halte. Die Selbstregulierung des VSV ist weitgehend europakompatibel. Wird bei den übrigen Punkten wie Grundkapital, Eigenmittel und Haftpflichtversicherung Augenmass gewahrt, könnte ich auch mit einer staatlichen Regulierung leben. Nachdem sich die EU mit der neuen Finanzprodukterichtlinie von der Selbstregulierung verabschiedet, wird die Schweiz nachziehen müssen.

Das wird höhere Fixkosten zur Folge haben, was den Spielraum für kleinere Asset manager massiv einengt. Wo ist die kritische Grösse?

Es ist nicht möglich, die kritische Grösse in einer absoluten Zahl auszudrücken. Richtig ist, dass die administrativen Hürden für den Markteintritt höher geworden sind. Heute sind über 50% der unabhängigen Vermögensverwalter Einpersonenbetriebe. Auch in unserem Verband lässt sich fast die Hälfte in diese Kategorie einstufen. Bei Neugründungen sehen wir aber einen ausgeprägten Trend zu grösseren Einheiten. Meist sind es zwei, drei Kollegen, die sich zusammentun, um Kosten zu sparen. Die Entwicklung geht weg von der ‹Micro enterprise› hin zu gesunden, flexiblen Kleinunternehmen.
 

Was verdienen Ihre Mitglieder im Schnitt? Wie viele sind überlebensfähig?

Im Schnitt erzielt ein unabhängiger Asset manager rund 0,8% der verwalteten Vermögen an Roheinnahmen. Auch in unserer Branche liegt das Erfolgsgeheimnis in einem kostengünstigen Betrieb. Kleinere Institute haben hier erfahrungsgemäss gute Karten. Die Fixkosten eines Instituts für das Regulatorische schätzen wir auf jährlich 8000 bis 12000 Fr. Nach unserer Einschätzung sind unsere Mitglieder – mit ganz wenigen Ausnahmen – überlebensfähig. Allerdings erzielen nur die wenigsten ein Spitzeneinkommen, das dem Vergleich mit den Top-Private-Bankern standhält. Wir sind die ‹Gewerbler› des Finanzplatzes. Ein guter gewerblicher Unterbau tut jeder Branche gut.

Immer mehr Unabhängige bieten sich grösseren Instituten zum Verkauf an. Wie weit ist die Konsolidierung Ihrer Branche fortgeschritten?

Diesen Trend erkennen wir nicht. Noch immer ist die Zahl der Markteintritte grösser als die der Unternehmensschliessungen, die meist im Zusammenhang mit der Aufgabe der Erwerbstätigkeit stehen. Neu ist, dass unabhängige Vermögensverwalter einen Generationenwechsel im eigenen Haus vornehmen. Die Kinder treten nach dem Ende der Ausbildung und einer mehrjährigen Banklaufbahn ins elterliche Geschäft ein und führen es weiter.
 

Es wird prognostiziert, dass es in fünf Jahren nur noch ein Zehntel der heute tätigen Unabhängigen gibt.

Diese Aussage hören wir seit über zehn Jahren. Wenn die Propheten Recht gehabt hätten, wäre die Branche schon ausgestorben. Wir sehen einen ungebrochenen Wachstumstrend in der unabhängigen Vermögensverwaltung. Nach wie vor eröffnen viele Private-Banker ihr eigenes Unternehmen. Weniger weil sie sich ein höheres Einkommen versprechen, sondern weil die Freiheit der beruflichen Lebensgestaltung offenbar einen Wert darstellt, den viele höher einstufen. Die Kunden ziehen mit, weil sie Individualität, Nähe zum Berater und Unabhängigkeit in der Produktwahl schätzen. Und da liegen die Stärken der unabhängigen Vermögensverwalter.
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